Rhythmik Jaques-Dalcroze

DD bambiniIch öffne die Tür der Musikschule und die Gruppe der 3 bis 5- jährigen Kinder beeilt sich einzutreten, die Schuhe aus-  und ihre Rutschsocken anzuziehen, um schnell eine Runde herumzuhüpfen und auf dem Parquetboden einige Kapriolen auszuprobieren. Ihre Augen strahlen und die freudigen Gesichter wirken ausserordentlich ansteckend. Nachdem sie sich mit dem Raum vertraut machten, beginnen wir die Rhythmiklektion nach Jaques-Dalcroze, wobei wir uns zuerst im Kreis hinsetzen, uns einzeln begrüssen und sich dabei eine Atmosphäre der Aufmerksamkeit und des Zuhörens ergibt. Ein schon bekanntes Lied dient als Einleitung, und die Kinder wissen, und können es kaum erwarten, dass sie bald aufstehen werden, um sich zusammen mit meiner improvisierten Musik am Klavier zu bewegen. Der ganze Raum wird erkundet, alle bewegen sich in verschiedene Rhythmen und Geschwindigkeiten, manchmal auch mit Bällen, Tüchern, Reifen, oder Seilen, oder zu Geschichten, Liedern, Sprechgesängen und Erfindungen der Kinder selbst. Auch ruhigere Momente mit vermehrter Aufmerksamkeit fehlen nie, wenn zum Beispiel ein neues Spiel eingeführt wird, oder die Schlaginstrumente einbezogen werden.

circolo dei bambini 50Die Freude an der Bewegung haben alle Kinder gemeinsam (auch die Erwachsenen, die diesen Gemütszustand bewahrt haben). Die Fröhlichkeit macht sie unermüdlich, vor allem, wenn wir LehrerInnen ihre spielerischen Ideen der Bewegung in Musik umzusetzen vermögen. Die Sprünge, die Pirouetten, die Gangarten, die Gesten bekommen ein musikalisches Kleid und Ausdruck. Die Musik nimmt Leben an, nicht nur in Bezug auf den Ton, sondern wird mit dem ganzen Körper, mit den Sinnen, mit Herz und Seele wahrgenommen. Ein Gefühl der Freude in uns wird erweckt, eine tiefe Sphäre unseres Seins wird berührt.

Was genau versteht man unter der Methode Jaques-Dalcroze?

Man versteht darunter eine Form der musikalischen Erziehung, welche auf der Körperwahrnehmung, auf dem Ausdruck des Rhythmus und aller Elemente der Musik über die Bewegung im Raum basiert, womit alle Aspekte der Musik praktisch, direkt und global experimentiert und erfahren werden.

IMG_0672Der schweizer Pädagoge und Komponist Émile Jaques-Dalcroze war Ende 19., Anfangs 20. Jahrhunderts Dozent in Hamonielehre und Solfège am Konservatorium in Genf und erfand danach die „Rhythmische Gymnastik“ (heute Rhythmik Jaques-Dalcroze), mit dem Ziel/Wunsch, die Einheit zwischen Körper, Geist und Seele im musikalischen Bereich zu finden, das Bewustsein während des Musizierens zu verfeinern, damit sich die individuellen künstlerischen Fähigkeiten entwickeln und manifestieren können.

Seine Entdeckungen waren damals grandiose Innovationen was die musikalische Ausbildung anbelangt und sind auch heute noch hochaktuell. Viele Schulen, Vereine und Zentren wurden auf der ganzen Welt gegründet, um die Methode zu verbreiten.

Die Rhythmik Jaques-Dalcroze wird in Gruppen unterrichtet und ist für alle Altersstufen und Niveaus geeignet. Es liegt an der Fähigkeit des/r Lehrers/in (mit einer vom Institut Genf anerkannten Ausbildung) den Schwierigkeitsgrad an die verschiedenen Stufen und Kompetenzen der SchülerInnen anzupassen.

Eine weitere Charakteristik ist die Improvisation, weitgehend, aber nicht nur, mit dem Klavier, welche der/die LehrerIn einsetzt, um sich an die Zeiten und Rhythmen der Schüler anzupassen, ihre Bewegungen spontan zu unterstützen und selber neue Übungen der Koordination, Unabhängigkeit etc. zu erfinden. Die SchülerInnen assozieren so ihr Tun mit dem was sie hören, entwickeln die Fähigkeit aktiv zuzuhören und sich immer wieder neu zu „syntonisieren“. Sie lernen sich im Raum über die Bewegung zu orientieren in Einheit mit dem individuellen musikalischen Erleben, Verständnis und Ausdruck. Die Musik wird sichtbar und basiert auf konkrete Erfahrungen, noch bevor man mit den Schwierigkeiten der Technik eines Instruments konfrontiert wird.

Die Rhythmik ist vor allem für Kinder sehr geeignet, aber  auch wertvoll etwa als Weiterbildung von professionellen Musikern, welche ihre Kompetenzen im Bereich der Interpretation und künstlerischem Ausdruck erweitern wollen.